Prolog des Johannesevangeliums

Worte und Wörter

Worte können heilen. Worte können richtig oder manchmal komplett fehl am Platz sein. Oder sie bleiben plötzlich aus. Im Journalismus ergeben Wörter einen Satz. In Gedichten werden Wörter spielerisch in die Luft geworfen. Dann ist der Dichter ein Goldschmied der Worte.

Wir haben an Weihnachten und den Tagen danach mehrmals den Prolog des Evangeliums nach Johannes in den Lesungen gehört. Dort steht:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. (…) Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Joh 1,1 – 18

Welche unendliche Wirkkraft muss in einem Wort stecken, wenn alles aus einem einzigen Wort entstanden ist? Ja, wenn Gott selbst Wort war? Das übersteigt definitiv unseren Horizont, das ist unvorstellbar! Welch überbordende Kreativität kann nur aus einem Wort erwachsen? Alles, was wir sehen und alles, was wir nicht sehen, aus einem Wort allein?!

Ein Wort für jeden Menschen

Wie wunderschön umschreibt Romano Guardini, dass jedem Menschen von Geburt an ein bestimmtes Wort mitgegeben wird. Es ist in sein Wesen hineingesprochen. Aufgabe des Menschen ist es nun, während der irdischen Pilgerreise genau dieses eine Wort zu finden und es zu leben. Hier wird das Wort mit der eigenen Berufung gleichgesetzt. Es ist ein Auftrag, den es zu erkennen gilt. Ich kann mir nicht helfen, aber diesen Gedanken von Romano Guardini finde ich unfassbar genial.

Die Psalmen seien Heilsworte und sollten deswegen laut gelesen werden, hieß es im benediktinischen Jahreskurs. Sogar wenn man alleine liest. Das leibhafte Beten ist noch eine Steigerung. Beim Lesen werden dabei einzelne Wörter oder Psalmverse, die einem in diesem Moment regelrecht „anspringen“ mit einer körperlichen Geste kombiniert und bewusst wiederholt.

Heilsworte, die wirken

Auch Psalmverse, Bibelverse oder einzelne Worte eine längere Zeit im Leben mitzunehmen und mehrmals täglich wie ein Mantra zu wiederholen, ist eine uralte, heilsame Methode der Wüstenväter. Sie wird als antirrhetische Methode bezeichnet und geht auf den Mönch Evagrius Pontikus zurück. Antirrhetikos bedeutet „die große Widerrede“. Dabei wird zu jedem negativen Gedanken ein Gegenwort gesetzt. Unruhe soll Ruhe weichen, schlechte Gedanken sollen durch gute ersetzt werden. Diese Gegenworte erzeugen mit der Zeit einen Perspektivwechsel. Sie sind Heilsworte, sie heilen, sind heilsam. Vor der Kommunion beten wir angelehnt an das Matthäusevangelium folgendes Grundgebet:

(…) aber spricht nur ein Wort so wird meine Seele gesund.

Mt 8,8

Nur ein Wort genügt…

Worte versus Wörter

Worte transportieren hier allesamt Wirkung. Und wir haben keinerlei Schwierigkeiten zu verstehen, dass Worte, wie oben angeführt, Heilung und Sinn bedeuten. Und doch sinniere ich als Journalistin schon länger darüber nach, was denn der Unterschied zwischen Worten und Wörtern ist. Beides sind Pluralformen. So viel steht fest. Worte im geistlichen Sinn sind mir sonnenklar, obwohl ich nicht Theologie studiert habe. Und dass ich Wörter benutze, um Sätze zu bilden, die dann in journalistischen Stilformen münden, ist mir auch klar. Aber Sätze transportieren letztendlich auch Sinn. Nur ist Sinn offensichtlich nicht gleich Sinn!

Wenn ich eine Nachricht schreibe, dann übermittele ich Neuigkeiten. Schreibe ich einen Bericht, transportiere ich Sachinformationen. Als Fachjournalistin ist es meine Aufgabe, fachliche Informationen in eine möglichst einfach zu lesende Form zu bringen. Bei Reportagen wird es schon lebendiger und Menschen und Situationen treten in den Vordergrund. Meine Sätze sind allerdings niemals geistlich sinnvoll und heilen nicht. Aber wie verhält es sich bei Dichterinnen und Dichtern, die Wörter kunstvoll zu Sätzen verweben? Was ist Poesie? Hier erfreuen sich Menschen doch daran. Und das macht Sinn. Sie merken, so vollständig bin ich noch nicht hinter dieses Geheimnis gekommen! *_* Vielleicht liegt das auch an meiner Berufskrankheit, alles bis ins Kleinste verstehen und kategorisieren zu wollen. Sie dürfen mir gerne helfen…

Zauberworte in andere Welten

Vorsicht, jetzt folgt ein krasser Übergang: Kennen Sie die Tintenherz-Trilogie von Cornelia Funke oder die „Unendliche Geschichte“ von Michael Ende? Beides sind Jugendbücher, die trotz der manchmal einfachen Sprache nicht nur tolle innere Bilder erzeugen, sondern auch die Wirkung von Wörtern beschreiben. In der Tintenherz-Trilogie lesen Mo und seine Tochter Meggie aus Büchern vor und können so Menschen und Dinge aus diesen Büchern in ihre Welt holen. Natürlich können sie auch selbst in die Welt der Bücher verschwinden und dort leben. Mo wird in Tintenherz „Zauberzunge“ und Meggie „Zauberzunges Tochter“ genannt. Beide haben das Talent, Bücher so vorzulesen, dass alles Wirklichkeit wird. Das passiert allerdings nur, wenn sie laut vorlesen. Die Sätze fungieren als Transportmittel, die Wörter sind Zauberwörter.

In der „Unendlichen Geschichte“ verschwindet der junge Bücherwurm Bastian Balthasar Bux beim Lesen in ein Buch und erlebt in Phantasien viele Abenteuer bevor er wieder in seine Welt zurückkehrt. Erst muss er der kindlichen Kaiserin einen neuen Namen geben und denkt sich „Mondenkind“ aus. Sobald er den Namen laut ausgesprochen hat, landet er selbst in dem Buch, das er liest. Sage mir einer noch, dass Worte und Wörter wirkungslos sind! *_*

Kennen Sie Ihr persönliches, inneres Wort? Und wie unterscheiden Sie Worte und Wörter?

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